Es gibt viele gute (und schlechte) Gründe, alte Computer zu nutzen: Geld, Zugang, Notwendigkeit oder einfach nur Pragmatismus. Alte Hardware ist nicht gleichbedeutend mit „kaputt“, sondern kann unter gewissen Umständen noch Verwendung finden. Es kommt aber auf ein paar Dinge an. Falls du also mit dem Gedanken spielst, einen geschenkten oder gebraucht (oder extrem günstigen) Laptop von anno dazumal für deine (kreative) Arbeit einzusetzen, solltest du vorher diesen Artikel gelesen haben.
Inhaltsverzeichnis
Restauration ist ihr Hobby
Manche restaurieren alte Autos, andere widmen sich Möbelstücken oder Kinderspielzeug. Und Einige haben Freude daran, alte Computer wieder nutzbar zu machen. Auch ich habe daran mehr Freude, als das ich echten Nutzen davon habe. DIY- und Youtuber:innen bauen darauf eine Existenz auf, für andere ist es nur eine Machbarkeitsstudie. Am Ende zählt immer: Ist das Gerät danach im Alltag wieder einsatzbereit?
Ich würde steil behaupten, dass es für die meisten eher eine Art Hobby ist. Jedoch sind etliche Menschen auf das Funktionieren der Technik angewiesen oder wollen einfach kein Geld für neue Hardware ausgeben, wo es die alte eigentlich noch tut (und nur willkürliche Software-Barrieren … hust … Windows 11 … hust … dem Computer die Verwendbarkeit absprechen).
Einige Computermodelle eignen sich dafür vermutlich besser als andere. Doch was sie am Ende alle vom Schrottplatz erlösen kann: Linux als Betriebssystem. Denn das gibt es für die aller neuste Hardware genau so, wie auch für den Computer aus der IT-Steinzeit. Je nach geplantem Einsatzgebiet ist der Computer damit sogar wieder nutzbar.

Alte Hardware – alte Software?
So, wie alte Motoren alter Autos nicht mit der Entwicklung der heutigen Zeit mithalten können, so ist es auch mit der Hardware alter Computer. Es geht, aber alles etwas langsamer und vielleicht hier und da mit ein paar Handgriffen mehr.
(Und da war er, der für ein deutsches Medium verpflichtende Autovergleich! In Fußballfeldern kann man nur noch Serverräume messen, doch das ist eine andere Geschichte.)
32 Bit Architektur, Cyrix, PowerPC, Sparc und Co
Bevor Computer standardmäßig auf 64 Bit liefen, war 32 Bit das Maß der Dinge. Der Umschwung erfolgte etwa zur Windows-XP-Zeit. Erst 2005 wurde eine x64-Version des Betriebssystems vorgestellt. Bei Appleerfolgte der (Startschuss zum) Umbau auf 64 Bit ab 2002 mit Mac OS 10.2 Tiger. Linux hatte zwischen 2000 und 2002 die ersten 64 Bit Varianten für die breitere Öffentlichkeit am Start, doch schon mit Kernel 2.2 (1999) gab es die ersten Schritte dahin. Wohlgemerkt alles für die privaten User zu Hause und in Büros. Für Server wurde 64 Bit seit den 1990ern mehr und mehr normal.
Der Vorteil: Durch die namensgebenden 64 Bit konnten Anwendungen mehr als 4 GB Arbeitsspeicher (RAM) nutzen. Was in immer aufwändigeren Programmen gipfelte.
Auch heute reicht das 64 Bit noch für all die Programme und Betriebssysteme aus. Windows, macOS und Linux sind komplett auf 64 Bit umgestellt. 32-Bit-Architektur gibt es nicht mehr „nativ“, sondern nur noch per Emulation, also einer Art Übersetzung auf Software-Ebene mit Leistungseinbußen. Zugegeben hat es im Alltag auch einfach ausgedient und ist technisch überholt. Zwar könnte man theoretisch noch damit Dinge anstellen, wenn die Welt aber in „64 Bit denkt“, dann ist der „Rückbau“ ein ziemlicher Aufwand, der sich i.d.R. nicht lohnt.
Das heißt aber auch, dass ganz alte Hardware ohne 64-Bit-Kompatibilität quasi raus ist. Pi mal Daumen lässt sich sagen: Wurde der Rechner vor 2005 gebaut, solltest du ganz genau schauen, ob sich deine Zeit dafür noch lohnt. Problematisch wird es auch bei Architekturen oder Modellen, die heute keine Relevanz mehr im Privatbereich haben, oder nur sehr spezielle Einsatzgebiete: PowerPC, Cyrix, Sparc, RISC und wie sie alle heißen. Wer also beispielsweise ein Powerbook oder ein Apple G3/G4/G5 wiederbeleben (und verwenden) möchte: Überlege es dir lieber noch einmal. Allein Video-Streaming über gängige Plattformen wird damit zur Herausforderung.

Beschränkungen bei CPU, GPU, RAM und Festplatten?
Wie schon angedeutet hat alte Hardware seine Herausforderungen im Alltag. Manche Programme laufen gleich gar nicht oder Surfen wird zur Qual. So werden Videos oder Bilder nicht mehr decodiert, der RAM ist zu schnell bei „modernen“ Browsern übervoll oder die HDD-Festplatten sind im Vergleich zu langsam.
Doch: Youtube und Co sind die eine Seite. Kreative Verwendung die andere.
Schneidest du Videos und Filme in deiner NLE? Das könnte arg ruckelig in modernen Formaten werden, wenn ein HD-Video überhaupt in unter einer Woche rendert – bzw. das Programm selbst ruckelt in der Bedienung. Oder OBS startet nicht mehr, weil die Grafikeinheit (GPU) nicht unterstützt wird.
Beispiel: Während ich auf einem voll ausgebauten Thinkpad X200 mit KDenLive noch leichte Schnittarbeit machen konnte, startet DaVinci Resolve nicht einmal. Und dann ist der Film noch nicht einmal gerendert und exportiert. Was auf aktueller Hardware Minuten oder Stunden dauert, kann dann mal schnell Tage oder Wochen dauern.
Bei Grafikprogrammen ist es recht ähnlich. Die meisten starten immerhin, aber die Oberfläche ist vor allem bei GIMP 3 und Krita behäbig und sobald es an aufwändige Berechnungen geht, hört der Spaß auf. Einige Effekte bringen GIMP zuverlässig zum Absturz. Irgendwie geht es meist und es ist besser als Nichts, aber schön ist anders.

Bei Audio kommt es meiner Erfahrung nach auf die DAW an. Während Ardour in kleinen Projekten idR. gut läuft, kommen meine alten Computer mit Bitwig gleich gar nicht klar. Getestet habe ich es am Thinkpad T470s mit i5-Dual-Core und verschiedenen Distributionen. Selbst das sehr verbrauchsarme Reaper (das sogar noch 32 Bit Versionen bereitstellt) kommt hier und da ins Ruckeln, hält sich mit den integrierten Effekt-Plug-ins aber wacker. Plug-ins von Drittherstellern können da mehr Probleme bereiten. Das passiert auch bei Ardour. Mixbus und Tracktion waren wie Bitwig kaum oder gar nicht nutzbar. Wer also „nur“ Konzerte als Audio in Stereo mitschneidet und die mitgebrachten Effekte einsetzt, könnte gute Ergebnisse erzielen. Alle anderen: Versuch macht Klug.
Doch eine Sache können ältere Computer oft noch gut: Text.
Es kommt aber stark auf deinen Texteditor an. Wenn du etwa einen sparsamen (Markdown) Editor wie VIM oder gedit nutzt, dann kannst du problemlos Texte tippen. LibreOffice läuft erstaunlicher weise auch flüssig. Was ich von Obsidian oder den spezialisierten Autoren-Programmen nicht behaupten kann. Textsatz-Anwendungen wie Scribus starten, sind etwas behäbig, haken hier und da, aber wenn die Bilder und Layouts nicht all zu groß oder aufwändig sind, geht das.
Leider funktionieren Web-Apps oder Anwendungen im Browser eher schlecht als recht. Die Online-Alternativen wie Photopea oder MS Office sind also für mich keine echte Option – wenn es gar nicht anders geht, kann man damit aber auch zum Ziel kommen. Achtet unbedingt auf einen modernen, aber sparsamen Browser. Und: Viel RAM hilft viel. Auch der CPU darf gern schneller als langsamer sein. Wenn eine gewisse Grundlinie überschritten ist, etwa (damals gute) Computer von 2015, könnte der Einsatz heute auch noch möglich sein.
Haltbarkeit
Der Gebrauchtmarkt ist relativ klar auf zwei Hersteller aufgeteilt, die gerne auch nach Jahren noch etwas höher gehandelt werden: Lenovo und Apple. Und vielleicht noch Dell. Alle haben sehr solide Computer gebaut. (Bei manchen Apple-Modellen sei eine Internetsuche angeraten, da verstecken sich vereinzelt Gurken.) Außerdem sollte man immer den Gesamteindruck vom Bauchgefühl bewerten lassen. Ist das Gehäuse komisch demoliert oder die Beschreibung „irgendwie komisch“, Finger weg.
Warum sind gerade die Hersteller so beliebt?
Sie sind einfach solide. Bei älteren Lenovo-Geräten lässt sich fast alles austauschen. Akku tot? Neuen kaufen. Tastatur kaputt? Neue her! Display hat Pixelfehler? Anleitung bei iFixit angeschaut, Ersatzteil-Bereichnung bei Reddit erfragt und bei einem Online-Händler bestellt. 15 Minuten brauchen geübte Hände dafür.
Und auch bei Apples ohne Touchbar (und ohne „Silicon“) lässt sich problemlos Linux installieren.

Der erste Handgriff: Ist der gebrauchte Computer älter als 5 Jahre, kommt neue Wärmeleitpaste auf CPU und GPU. Dann schauen: Ist weniger als 16 GB RAM drin: Mehr ist mehr. Bei den aktuellen Preisen lohnt es sich vielleicht, schon im Laptop auf mehr verbauten RAM zu achten. Ist noch eine mechanische Festplatte verbaut? SSD rein. Oder gleich eine NVME. Die sind in „besseren“ Systemen ab etwa 2015 meist ohnehin verbaut.
Mit den Ausbauten läuft der Rechner noch einmal 5 – 10 Jahre. Auch für kreative Arbeit.
Meine Empfehlung auf Basis persönlicher Erfahrung geht immer in Richtung Lenovo. Vor allem die Serien T, X und L kann ich fast bedenkenlos empfehlen. Hochwertige Laptops, einfacher Teiletausch – und meist einwandfreie Linux-Kompatibilität. Aber Achtung bei mehreren verbauten Grafikkarten, das kann (!) zu Problemen führen, gerade bei den X1-Extreme-Modellen kann ich nichts Gutes unter Linux berichten.
Bei Apple würde ich persönlich nach Modellen von 2012 oder 2015 schauen. Bei neueren auf „KEIN Touchbar verbaut“ achten. Wichtig ist auch, ob Mainboard, GPU oder Display Fehler aufweisen. Diese sind nur schwer (oder teuer) tauschbar. Die MacMinis sind ebenfalls gute Desktop-Computer, auf denen Linux einwandfrei installierbar ist. Oder iMacs. Ersatzakkus können hier etwas mehr ins Geld gehen.
Auch andere Hersteller können gute, alte Modelle haben. Damit habe ich allerdings wenig Erfahrung. Daher macht Versuch hier klug. Oder eine Internetsuche. Am besten ohne KI-Agent.

Linux, gibt’s das auch in Light?
Je älter deine Hardware ist, um so weniger anspruchsvoll sollte dein Linux-System sein. Dabei ist es nicht so wichtig, wie „neu“ das System ist, sondern viel mehr, wie aufwändig dein Desktop Environment ist.
KDE und Gnome brauchst du auf alten Knochen nicht auszuprobieren, die verbrauchen viele Ressourcen – 1 GB RAM brauchen beide allein für den Standby-Betrieb. Und da sind Animationen, Transparenzen oder „Widgets“ noch nicht einmal mit drin. Hingegen XFCE, LXQt, OpenBox, MATE oder evtl sogar Cinnamon könnten hier dein System problemlos nutzbar machen.
Ein Startpunkt für mich ist bei alten Systemen immer MX Linux. Das basiert auf einem Debian, arbeitet mit XFCE und OpenBox und befeuerte sehr lange mein X200 von 2008. Hätte nicht das Mainboard irgendwann Murks gemacht, würde ich vielleicht immer noch damit mobil arbeiten. Auf dem X201 lief Linux Mint mit Cinnamon. Auch das T470s läuft prima mit Mint. Fedora mit Gnome hingegen ist etwas behäbig. Ich habe auch schon von T430ern mit Ubuntu (und flüssigem Gnome) gehört. Ausprobieren.
Generell empfehlenswerte und verbrauchsarme Desktop Environments sind: LXQt (Nachfolger von LXDE), XFCE, Mate, Cinnamon – oder etwas spezieller Fluxbox, OpenBox und i3. Da sind die Konzepte aber anders als du es vielleicht von WIndows oder macOS kennst und du solltest etwas Lernzeit und ggf. Frustrationstoleranz mitbringen.
Fazit
Ich kann es nicht oft genug sagen: Erlaubt ist, was gefällt. Und was läuft.
Was aber nicht ausbleibt, ist Ausprobieren. Aber nicht jede „Wiederinbetriebnahme“ mit Linux macht Sinn.
Hast du alte Hardware, die mit Windows oder macOS nicht mehr so richtig rund läuft? Oder dir werden neue Versionen der Betriebssysteme aus irgendwelchen Gründen einfach nicht angeboten? Dann ist Linux einen Versuch wert. Die Installation ist simpel – hier siehst du, wie das bei Linux Mint und Fedora aussieht.
Es ist auch kein Hexenwerk, den Computer mit etwas besseren Bauteilen auszustatten. Es gibt für alles Anleitungen im Internet. Meist sind iFixIt und Youtube gute Anlaufstellen. Eine simple Suche bei der Suchmaschine deiner Wahl liefert sicherlich auch gute Ergebnisse. Hinweis: Englisch klappt oft besser als Deutsch.
Wenn du die Zeit hast, ist das auch eine wunderbare Aufgabe gegen Langeweile und liefert gleichzeitig etwas mehr Verständnis von Hardware – und Software. Das Internet ist nicht nur ein Ort mit Abgründen, sondern auch mit Anlaufstellen für frei verfügbares Wissen. Es lässt sich immer Etwas lernen.
Außerdem ist es nachhaltig, alte Technik noch etwas länger zu betreiben. Und es ist es auch ein Statement gegen den Hyperkonsum und ein Tritt in den Allerwertesten der geplanten Obsoleszenz. Nehmt das, ihr gierigen Konzerne! 😉
