Flo Siller ist Mastering Engineer aus Hamburg. Ihn treibt das Ende von Windows 10 gedanklich Richtung Linux. Doch kann der Umstieg eines Profis gelingen? In dieser exklusiven Dokumentation kannst du nachlesen, ob Linux bereit für den professionellen Einsatz im Musik-Mastering-Bereich ist. Oder ob es noch Baustellen gibt.
Inhaltsverzeichnis
Hinweis: Dieser Artikel stammt von Gastautor Flo Siller – er ist klimafreundlicher Mastering Engineer aus Hamburg. Flo hat u.a. Mastering für The Mars Volta, Selig, Tränen, Jeremias, Fotos oder Die Sterne gemacht – und ist auch für einige goldene Schallplatten und Remasterings von Grammy-Veröffentlichungen mitverantwortlich.
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Dieser Artikel ist „Rolling Release“ und als Dokumentation einer Reise zu verstehen. Wenn Flo Zeit neben $Arbeit und $Leben, gibt es einen neuen Abschnitt – erkennbar an [Teil 1][Teil 2] etc. Regelmäßiges Reinschauen lohnt sich also.

[Teil 1 – Intro]
Zugvögel wechseln regelmäßig ihr Zuhause, um sich anderswo bessere Bedingungen für ihre Existenz zu suchen. Instinktiv entziehen sie sich ihrer aktuellen Situation, weil das Futter knapp wird oder das Wetter ihnen das Leben schwer macht. Doch nicht alle Vogelarten verhalten sich so: Standvögel und Teilzieher sind ebenfalls ein erfolgreicher Teil der Evolutionsgeschichte.
Bei der Verwendung von Technologie handeln Menschen ganz ähnlich.
Während manche treu einer Philosophie oder Herstellerin folgen, wechseln andere auf der Suche nach Inspiration und Erneuerung beinahe zyklisch ihre Werkzeuge. Im Spannungsfeld zwischen gewohntem Systemerhalt und ungewissem Neustart gibt es auch in meiner beruflichen Blase der Tonschaffenden ganz unterschiedliche Lager. Neu und anders ist im Audiobereich auch nicht immer besser, klar. Warum also potenzielle Probleme schaffen, wenn doch im Grunde alles funktioniert?
Die Zeichen der Zeit, um beim Bild der Zugvögel zu bleiben, ließen mich jedoch bei der derzeitigen Ausrichtung der Big-Tech-Konzerne zunehmend aufhorchen. Schlagworte wie digitale Souveränität und Selbstverteidigung haben mich instinktiv animiert, alternative Ökosysteme auf ihre Bewohnbarkeit auszukundschaften. Zum Glück musste ich dafür keine ganzen Ozeane überqueren. Ein USB Stick und etwas Zeit reichen für diesen Selbstversuch vollkommen aus.
Für meine Büro-Aufgaben und den Alltag war der Umstieg auf eine passende Linux-Umgebung schon vor einigen Jahren geglückt. Meinem todgeweihten Laptop wurde so wieder neues Leben eingehaucht. Mittlerweile läuft Linux auch auf Hardware der Familie und der Liebsten.
Da ich konzeptionell immer auf der Suche nach ökologisch nachhaltigen Optimierungen meines Aufbaus bin, war dieser Schritt ein Positivsummenspiel in viele Richtungen. Für den Teil der Audio-Bearbeitung brauchte es wohl aber noch den kleinen Stoß der Großkonzerne mit ihren beinahe religiös wiederkehrenden Upgrade-Zwängen und Gnadenfristen. Spionage, Kontopflicht, unerwünschte KI-Integration und Bloatware sind da nur traurige i-Tüpfelchen auf der durch notwendige Registry-Modifikationen entstellten Systemtorte mit Opt-Out Glasur.
An ideellen Gründen für ein Weiterziehen in die vermeintliche Tech-Freiheit mangelt es demnach nicht.
Doch wie sieht das in der Praxis aus?
Ich habe sunstanzielle Investitionen in kommerzielle Software getätigt. Der überwiegende Teil ist nicht Linux-kompatibel.
Ist Linux also schon bereit für Pro-Audio?
Umgekehrt erschien mir die Frage nach einiger Recherche vielleicht relevanter: Bin ich schon bereit für Pro-Audio auf Linux? Muss ich mich zwangsläufig (temporär) von Altbekanntem verabschieden? Oder gibt es sogar gute Gründe für hybride oder doppelgleisige Nutzung?

Gedanken zu Linux
Dieser Beitrag soll also eher eine Art Reisebericht als eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum schlüsselfertigen System darstellen. Denn das ist die GNU/Linux-Welt schon ganz prinzipiell nicht. Mit all ihren Ausprägungen und Anpassungsmöglichkeiten hat sich seit 1991 viel getan. Die Grundlagen für den Einstieg wurden hier bereits umfangreich zusammengetragen.
Linux ist keine von Großkonzernen gesteuerten oder Aktionären abhängige Blackbox. Es ist eher wie ein Universum, dessen Galaxien (Distributionen) von vielen unterschiedlichen Planeten (Forks) bevölkert werden. Die galaktischen Hauptdistributionen sind teils fast so alt wie Linux als Kernel selbst. Etwa Debian, mit den Abkömmlingen Ubuntu und Mint. Aber auch Red Hat’s (IBM) Fedora, OpenSuse und Arch erfreuen sich seit Jahrzehnten großer Beliebtheit. Fast alle sind kostenlos verfügbar und Open-Source-Bestandteile sitzen tief in der DNA aller Systeme.
Vorkonfigurierte Distributionen für den kreativen Einsatz sind vor allem für Einsteiger ins Thema Linux-Audio interessant, werden aber kontrovers diskutiert. Neben der Wahl der Distribution ist die nächste Entscheidung das Desktop Environment (kurz DE). Einige ähneln frucht- oder fensterbasierten Betriebssystemen, andere gehen ganz eigene Wege. Entschieden wird nach der persönlichen Vorliebe.
Wichtig ist, sich von der Wahlfreiheit nicht abschrecken zu lassen. Alles kann kostenlos ausprobiert werden – etwa über einen USB-Stick mit Ventoy. Gefällt eine Distribution mitsamt Oberfläche, kann sie gleich vom Stick installiert werden. Vorher das Backup nicht vergessen.
Ist ein Programm nicht vorinstalliert, kann es oft über den App Store der jeweiligen Distro gefunden werden. Entschieden werden muss auch hier: System-Pakete der Distribution, oder universelle Formate wie Flatpaks. Die sind zwar nicht immer auf dem neusten Stand, ermöglichen aber in der Regel ein stabiles Arbeiten.
Alles klar soweit? Willkommen im Linux-Universum.
Hier eine kleine Auswahl Audio-spezifischer Distributionen zum Lockermachen:






Mir sind bei der Entscheidung Stabilität, Sicherheit, Leistung und schneller, verlässlicher Support im Problemfall wichtig. Community-basierte Distros (also fast alle) wie Debian oder Fedora bieten Updates kostenlos an. Unterschieden werden muss zwischen Rolling Release, Punkt-Releases oder LTS.
Rolling Releases bieten viele Updates in kurzer Zeit. Sie sind technisch auf dem neusten Stand, aber auch anfälliger für Instabilitäten. (In der Praxis variiert das aber, einige haben angeblich nie Probleme). Bekannte Distros sind beispielsweise Arch oder openSuse Tumbleweed.
Punkt-Releases kann man mit macOS oder Windows vergleichen. Alle paar Wochen/Monate gibt es eine neue Versionsnummer nach dem Komma. Oder Hauptversionen. Bei Fedora und Ubuntu alle 1 bzw. 2 Jahre, bei Debian alle 2-4.
LTS steht für Long Term Support und bietet langen Support für Sicherheits- und manchmal auch Funktionsupdates. Nach Support-Ende gibt es ein Upgrade auf die nächste Version. Wie z.B. bei Windows 10 auf Windows 11.
Neben den Community-basierten Linuxen gibt es auch kostenpflichtige Enterprise Versionen. Die werden an Firmen als Abo-Modell verkauft und entsprechend skaliert, angepasst und bringen professionellen Support mit. Bekannte Enterprise-Linuxe sind Suse Enterprise im europäischen Raum oder Red Hat Enterprise Linux (RHEL) in den USA.
Bei kleinen Linux-Distributionen oder Programmen kann es passieren, dass sie kurzfristig nicht mehr gepflegt werden und die User zurückgelassen werden. Oft, weil die Programmierung von einer Person abhängt. Dank Open-Source-Verfügbarkeit kann diese manchmal durch Dritte neues Leben eingehaucht bekommen.

Kompatibilitätscheck
Dieses Experiment fokussiert sich auf den Post-Production-Einsatz im Bereich Audio Engineering. Für das Musikmachen selbst finden sich hier bereits einige Einträge zum Beispiel zu Midi-und Audiorecording, Gitarren Amp Simulation und Software Synthesizern. Hier soll der Prozess des Masterings im Fokus stehen, auch wenn ein Übersprechen in den Mixing-Einsatz dabei aber erfahrungsgemäß so unvermeidlich ist wie die gesunde Portion Hihat Bleed auf einem Snare Mikrofon.
Ich möchte hier ausdrücklich keine Werbung für einzelne Tools oder Produkte machen. Sondern eher Ideen verfolgen und Daumen drückend deren geglückte Umsetzungen dokumentieren. Auch soll an keiner Stelle abwertend über die Software und Werkzeuge gesprochen werden, die mich bisher in meiner täglichen Arbeit begleiten und diese aufgrund des Fortschritt im DSP-Bereich überhaupt erst möglich gemacht haben.
Vielmehr will ich herausfinden was da draußen noch so alles existiert, dadurch lernen und bestenfalls effizienter, kreativer und nachhaltiger Musik machen.
Schwieriger mit Linux gestaltet sich die Hardware-Unterstützung je nach Anwendungsbereich: Nur wenige Hersteller von mehrkanaligen Audio Interfaces bieten aktuell native Treiber für ihre Geräte an. Class-Compliance ist hier häufig das Zauberwort, um zumindest die Grundfunktionen der Interfaces nutzen zu können. Auch dort springt wieder häufig die Community selbst zur Hilfe und schreibt ganz im Geiste des DIY behelfsweise Software zur Unterstützung verbreiteter Geräte.
Meine computerbasierte („In-The-Box“) Arbeitsweise beschränkt sich nur auf das analoge Abhören. Der Aufwand ist also geringer als bei einem elaborierten Mehrkanal-Recording-Setup bei geringstmöglicher Latenz.
Die schweizer Firma Merging stellt für ihre Netzwerk-Audio-Interfaces im High End Bereich lobenswerterweise native Linux Treiber bereit. Wie gut die funktionieren, soll im nächsten Blog-Update am Beispiel des Merging HORUS auch beleuchtet werden.

Aktueller Stand: Linux und Pro-Audio
Während die Auswahl bei der Hardware stagniert, vergrößert sie sich hingegen bei Programmen und Werkzeugen. Kleine und große Namen der Audiowelt bieten native Unterstützung. Etablierte DAWs wie Bitwig, Reaper, Mixbus oder zuletzt Studio One als Beta-Version können hier neben einigen anderen genannt werden.
Audio selbst in Linux wird weder per ASIO noch CoreAudio verwaltet, sondern hat natürlich seine eigenen Strukturen mit unterschiedlicher Komplexität. Wie das Audiosystem unter Linux grundsätzlich funktioniert, lässt sich zum Beispiel hier genauer nachlesen. Von simpel (ALSA) bis komplex (Pipewire) ist da so einiges möglich und anpassbar.
Nach angemessener Einrichtungszeit und Gewöhnung kann so ein Linux-System gegebenenfalls auch permanent offline bleiben: Software-Lizenzierung mit Onlinezwang oder Dongle ist mir bisher (noch) nicht begegnet. Ein funktionierendes Offline System hat für generelle IT-Sicherheit klare Vorteile und ist prinzipbedingt viel weniger angreifbar.
Für die ausführlichen Versuche und Vergleichstests im kommenden Update habe ich mich für zwei unterschiedliche Systemphilosophien der Linux-Geschmäcker entschieden.
Zum einen soll Ubuntu Studio (LTS) für den Einsatz proprietärer und kostenpflichtiger Werkzeuge dienen, da diese Distribution von vielen Audio-Unternehmen als deren Testumgebung angegeben wird. Sie hat sich als einfach zu handhaben, ausreichend professionell sowie community-basiert supportet und stabil herausgestellt. Die hinter Ubuntu stehende Firma Canonical ist ein etablierter Akteur in der Linuxwelt, mit langjähriger, wenn auch nicht unkontroverser Historie.

Demgegenüber soll ein alter Hase für ein System basierend auf freier und Open-Source Software dienen, nämlich Debian 13 (stable) im Zusammenspiel mit den KXStudio Tools.
Auf beiden Systemen kommt mein präferiertes KDE Plasma zum Einsatz, für mich das bisher intuitivste und übersichtlichste Desktop Environment.
Neben dem geplanten Hands-On-Teil dieses Berichts mit ausführlichen Vergleichstests werde ich auf meinem Mastodon-Account den Fortschritt dokumentieren und so weitere Nebenbaustellen bearbeiten können.
Auf der Erkundungsliste dieser Reise halte ich soweit diese Gedanken fest:
- Bedeutet ein neues System Chancen für frische Workflows und damit neue, unbekannte Sounds?
- Setzt die Freiheit des Systems und der Tools auch die eigene Kreativität frei oder lenkt die Vielfalt der Optionen eher ab?
- Ist „mein“ Sound immer nur ein Produkt des jeweiligen Systems und damit davon abhängig oder bieten sich hier Chancen zu mehr Individualität?
- Ein Umzug zwingt auch zur Entscheidung über das Zurücklassen oder Mitnehmen bekannter Strukturen. Ist ein Entschlacken ohne dogmatisches Festhalten möglich?
- Wie schlank, mobil und unabhängig kann sich so ein optimiertes System gestalten?
Wie bei den Zugvögeln kurz vor Wintereinbruch gilt es das Risiko einzugehen und loszufliegen…

[Teil 2: Systemwechsel]
Woher
Der Winter ist gekommen und ein paar Flügelschläge später lohnt sich der Blick auf unser zurückliegendes Ökosystem, um so den Mastering-Prozess anhand seiner kreativen und technischen Abläufe zu beschreiben.
Kreatives vereint die Eingriffe in den Klang einer Mischung in Stereo- oder Stemform durch die Bearbeitung von Frequenzgang und Dynamik sowie das Arrangieren von Songübergängen. Die Notwendigkeit und Intensität dieser Eingriffe werden im Team entschieden und hängen stark vom Ausgangsmaterial ab.
Technische Abläufe beinhalten die Erstellung digitaler und physischer Produktionsmasterformate (daher auch der Begriff „Mastering“). Hier geht es um spannende Industriestandards und, häufig unerwähnt (du bist gemeint, sog. „automated mastering“), die Qualitätskontrolle der Produktionsmaster. Ist das Audio intakt (ausreichend Pre-und Postroll mit Fades, keine Dropouts), das Format mit passender Abtastrate und Bittiefe korrekt und ohne unerwünschte Artefakte (Klicks, Schmatzer, Verzerrungen), steht dem Master als ZIP Archiv inklusive MD5-Checksumme nichts mehr für die Veröffentlichung im Weg.
So viel zur Theorie. In der Praxis sind da natürlich brauchbare Hilfsmittel notwendig, die kreativen Fluss ermöglichen und technisch verlässlich und stabil arbeiten. Saubere Projekt-Recalls? Keine Glitches beim Export? Nichts nervt im Arbeitsablauf? Na gut, dann mal los!
Auf den geschlossenen Betriebssystemen ist die Auswahl an entsprechender Software je nach Spezialisierung üppig bis ausreichend. Ganze Ozeane an Plugins fluten die Festplatten fast schon wie von selbst und jährliche Updates, Upgrades und Neuentwicklungen bitten zur Rabattschlacht (GAS lässt grüßen).
Einen etwas gesünderen Umgang mit FOMO/FOBO konnte ich durch die sechs Rs der Nachhaltigkeit aufbauen. Bei der eigentlichen Arbeit verkleinert sich der tatsächlich genutzte Werkzeugkasten meiner Erfahrung nach glücklicherweise wie von selbst. Vertraute Software verhält sich berechenbar und lässt sich leicht bedienen, liefert flink Ergebnisse und fordert keinen ständigen Wechsel der Gehirnhälften. So bleibt auch der ursprüngliche kreative Impuls erhalten. Dieses Wechselwirken aus Aktion←→Reaktion soll frei fließen können. Immer im Dienst der Musik und des Momentums, da der Hörapparat sich schnell an alles gewöhnt.
Kann ein natives Linux-System mit eingeschränktem Angebot das alles leisten? Diskussionsrunden einschlägiger Fachtagungen zum Thema Open-Source und Linux in Pro Audio zeigen, dass sich abseits von Prinzipien wie Never Change A Running System oder Safety in Numbers etwas bewegt. Mal sehen wie weit mich meine Flügel als Wanderfalke in der Linux-Landschaft wohl tragen können…
Wohin
Gewohnheit kann eben auch ein Käfig sein. So bauen wir ein möglichst freies System auf, um bestenfalls alle kreativen und technischen Prozesse abdecken zu können. Sonst drohen Dualboot oder Appintegration (alles Themen für den nächsten Teil), denn einfache Übernahme ist wie beim Betriebssystem auch bei der Software nicht immer möglich.
Die Ausgangslage: meine hauptsächlich genutzte DAW, einige der Hilfsprogramme wie Audioeditor, Abtastratenkonvertierung, DDP Check, Dateimanager, Remote Session Streamer und Audioplayer sind nicht nativ für Linux verfügbar. Glücklicherweise sieht das bei einigen FLOSS Tools aus meinem Bestand anders aus. So konnte ich z.B. Nextcloud, MediaInfo und FreeFileSync beibehalten. Mein Musikstreamingdienst fürs Referenzhören ist dank Webplayer auch problemlos ins System integriert. Für alles andere habe ich mich auf die Suche nach passenden Äquivalenten gemacht.
Bei den Audio-Plugins sah es mit der Übernahme bestehender Tools für die allermeisten Fälle mit Ausnahme von U-He, DDMF, Kazrog und Airwindows leider ähnlich aus. Das spornte mich an, einfach mal bei den Herstellenden meiner bisherigen favorisierten Tools anzuklopfen und nach Linux-Support zu fragen. Bei knapp zwei Dutzend Anfragen erreichten mich beinahe so viele Antworten. Hier die Ergebnisse:

Neben den dargelegten Gründen waren die knappe Mehrzahl der Beteiligten für einen zukünftigen Linux-Support bei erhöhter Nachfrage offen. Je nischiger und spezialisierter die Produktpalette der Developer, desto geringer scheint die Nachfrage. Nur eine Firma unter ihnen hat für 2026 den Support von LV2 und VST3 Plugin-Formaten für Linux-Systeme angekündigt. Aber hey, immerhin! Außerdem gibt es Bewegung in der Community, sich dem Thema kollektiv unter der Initiative Linux Audio Development zu widmen.
Weitere Hindernisse sind systemgebundene Kopierschutz-Systeme wie USB-Dongle oder Online-Registrierung durch Dritte, deren Ökosysteme (noch) keinen Linux-Support anbieten. Ein noch zu überwindendes Nadelöhr, bevor die eigentliche Entwicklungsarbeit beginnen kann. Ganze vier mal wurde die Einbindung von Windows VSTs über die Kompatibilitätsschicht WINE als inoffizielle Behelfslösung erwähnt. Mir sind jedoch schon genug Berichte über fehlerhafte Updates in solchen Aufbauten begegnet, dass ich erst einmal ein freundliches danke, aber nein danke an diesen Weg hefte.
Nun denn, ab in die Eingeweide des neuen Systems wie ein Gänsegeier in der Mittagssonne Südfrankreichs…
Handanlegen
Bei der DAW fiel die Wahl nach einiger Testzeit leider (bisher) gegen die offene Alternative Ardour. Konzeptionell interessant und qualitativ sicher problemlos nutzbar, fehlten mir Dinge wie ein einfacher DDP2.0 Image Export. Meiner Recherche nach kann das nur über den Umweg der CUE/BIN Konvertierung per Kommandozeile erstellt werden. Etwas umständlich, aber zum Gegenchecken eines fertigen DDP Image vor der Auslieferung trotzdem ein hilfreiches Tool.
Oberfläche und Bedienungsgefühl von Ardour erschienen mir fremd und blieben es auch, sodass ich mich für eine andere Workstation entschied: die proprietäre und kostenpflichtige US-DAW REAPER. Hier gibt es tolle Community-Tools für Metering, Messungen, erweiterte Funktionen, DDP Management und, ganz wichtig, Levelmatching. Die native Linux-Version von REAPER ist schon einige Jahre verfügbar, entsprechend gut ist das Programm dokumentiert und getestet. Auch kommerzielle Spezialentwicklungen bauen darauf auf.

Alternativ habe ich noch den kommerziellen Ardour-Abkömmling Harrison Mixbus im System. Interessant sind die in Mixbus inbegriffenen Stock Plugins (auch in REAPER nutzbar) und die native Dolby ATMOS Einbindung.
Fangen wir an mit den DAW Basics, um die Maschine etwas Stress auszusetzen. Neben allgemeinen Hardwaretests gibt es ein DAW-Benchmarkprojekt, glücklicherweise sogar mit REAPER Projektdateien inkl. nativer Plugin-Konfiguration. Damit lässt sich plattformübergreifend auf jedem Betriebssystem (auch direkt vom USB-Stick aus) der gleiche Test wiederholen, sodass vergleichbare Leistungsergebnisse entstehen. Hier das Resultat:
Disclaimer zum Hardware-Vergleich: Ubuntu Studio Power Profile = „Performance“ / Windows 10 DAX Profil = „Leistung„, System: i7 – 10700, 32 GB RAM, GeForce MX350



Die Wahl fiel schlussendlich dank der guten Leistung auf Ubuntu Studio, denn auch im Austausch mit den Plugin-Herstellenden hat sich diese Kombination mit REAPER als etablierte Testumgebung herausgestellt
Soweit der Performance-Vergleich, wie sieht es mit den Exportergebnissen von REAPER unter verschiedenen Betriebssystemen aus? Sollten identisch sein, klar. Das stellt ein sogenannter Nulltest fest, wenn auch nicht ohne Einschränkungen. Auch sollten sich Online- und Offline-Bounce nicht voneinander unterscheiden. REAPER kann zum Beispiel verhindern, dass diese Info an Plugins übermittelt wird. So entspricht das Gehörte auch dem Exportergebnis und wird nicht z.B. durch erhöhtes Upsampling Plugin-intern beim Offline-Bounce verändert. REAPER 7 besteht diese Tests problemlos auch unter Linux. Audiodateien können ohne Modulation beliebig im- und exportiert werden, egal ob in Echtzeit oder effizient offline. Bei Harrison Mixbus 10 sieht das wohl aber beabsichtigt etwas anders aus.
Glücklicherweise lassen sich unter Linux erstellte REAPER Projektdateien (.rpp) auch unter Windows öffnen (vorausgesetzt die selben Plugins sind installiert) und identisch exportieren. Dazu gab es zumindest bei meinem Test mit VST3 und JSFX Plugins keine Fehler- oder Warnmeldung. Wild!
Moderne DAWs arbeiten mit sog. Gleitkomma-Arithmetik, wodurch Übersteuerungen innerhalb der Audio Engine vermieden werden. Wie präzise gerechnet werden soll, lässt sich bei REAPER sogar in den Projekteinstellungen definieren. Hier lassen sich neben einfacher (32) und doppelter (64) Gleitkomma-Präzision auch esoterische, übersteuerbare Festkomma-Bittiefen einstellen.
Das ewig tot gerittene Themenpferd Dither soll hier dem Internet zuliebe nicht weiter leiden, nur so viel: REAPER bietet schnödes TPDF mit optionalem Noiseshaping. Ist diese Option nicht ausgewählt, wird hart abgeschnitten (kein Plugin mit Ditherfunktion am Ende der Signalkette vorausgesetzt). In jedem Fall muss die DAW festlegen, wie sie mit dieser Thematik umgeht.
Das sind nur ein paar Faktoren, die für messbare DAW-Unterschiede sorgen können. Bei der Programmierung von Workstations müssen viele Entscheidungen getroffen werden, die jeden Code einzigartig machen.
Dass renommierte Engineers dabei Klangunterschiede wahrnehmen und damit Gemüter erhitzen, ist wenig überraschend. Hier ein Selbsttest abseits von trivialer Summierung und Pan-Law mit folgendem Aufbau:
- Wir importieren eine hochauflösende 24bit Stereo-WAV-Datei, bearbeiten sie mit einer Handvoll Plugins und exportieren sie wieder bei gleicher Abtastrate und Bittiefe. Als Plugins eignen sich hier nur statische Effekte ohne zufällige Modulation, da sonst naturgemäß immer andere Ergebnisse entstehen. Der Testaufbau funktioniert, sobald mehrfacher Exporte aus derselben DAW identisch sind.
- Ist das anhand eines Nulltests abgesehen von Dither-Noisefloor geglückt, kann der Test in anderen DAWs wiederholt werden. Wichtig dabei ist, dass dieselben Pluginversionen in gleicher Konfiguration (Reihenfolge, Signalrouting, identische Einstellungen anhand Plugin-interner Presets) verwendet werden.
Hier meine DAW-Exporte zum Selbsthören:
https://fidbak.audio/flosillermastering/player/6165a2b009da/5f38c39fd9c5 (leider funktioniert Embedding mit dem Provider nicht)
CREDIT: FALK FERRARI – Dinge wie sie kommen
Sind diese messbaren Unterschiede dann aber auch hörbar und relevant? Dank Blindtests kann das jede Person für sich entscheiden. Für mehr Objektivität sorgt das ABX-Verfahren. Im Mastering zählt jeder noch so kleine Unterschied, so konnte ich anhand meines Blindtests eine informierte Entscheidung fällen. Jeder Workflow und Wohlfühlfaktor ist aber individuell und guter Klang sowieso subjektiv.
Schöne, bunte Plugin-Welt
Auch wenn REAPER schon eine Reihe an Effekten von Haus aus und unüberschaubar viele Erweiterungen mit sich bringt, möchte so eine DAW trotzdem mit externen Tools gefüttert werden. Formate dafür gibt es leider auch wieder zu viele, als dass sich ein gültiger Standard entwickelt hätte… Glücklicherweise handelt es sich mittlerweile aber bei allen relevanten (LV2, CLAP und Linux VST3) um Open-Source Projekte. Neben allgemeinen Plattformen wie KVR gibt es auch leidenschaftlich gepflegte Linux-Plugindatenbanken, die bei der Suche nach bestimmten Effekten hilfreich sein können.
Installiert werden diese Plugins entweder durch das einfache Kopieren der Dateien in die formatspezifischen Verzeichnisse oder per mitgeliefertem Script. Das kann ganz unterschiedlich aussehen:

Im Mastering kann etwas grobschlächtig zwischen färbenden und sauberen Werkzeugen unterschieden werden, von denen ein Paar pro Einsatzbereich ausreichen. Bei den Entzerrern gibt es allein schon in der Bauweise genügend Unterschiede, um eine kleine aber feine Auswahl zu rechtfertigen. Sauber und flexibel arbeitet zum Beispiel der ZL Equalizer. Von verschiedenen Phasen-Modi über EQ-Matching hin zu dynamischem Entzerren zeigt er sich als kostenlose, quelloffene Alternative zu kommerziellen Industrie-Standards. Sind grobe Farbtupfer nötig, kann das FLOSS Plugin PultEQ als Emulation eines echten Studioklassikers mit Röhrenpower herhalten.
Kompression ist im Mastering m.M.n. dank Internettutorials überschätzt, vor allem die Multibandkompression wurde auch dank Marketingpower zum Schlagwort. Sollte doch saubere und flexible Kompression nötig sein, können ZL Compressor oder x42-compressor die Impulse wie gewünscht verbiegen. Bei Multibandkompression ist die Qualität der Crossover-Filter essenziell, daher teste ich zuerst das Bandsplitting im Bypass-Blindtest (Augen zu, Bypass an und aus) auf unterschiedlichem Material. Kann ein Plugin verschiedenste Signale ohne wahrnehmbare Verschlechterung aufsplitten, werden Steuerung und Parameter für mich überhaupt erst interessant. Unter den FOSS Plugins ist mir hier nur ZamAudios ZaMultiCompX2 begegnet. Färbende Kompression findet sich in vielen Variationen bei Airwindows. Eine interessante Interpretation eines populären Stock-Plugins gibt es von LSP.
Beim Limiting bietet sich klanglich eher eine Unterscheidung zwischen hell und dunkel an. Ein dunkler Eindruck entsteht meist eher bei verzerrungsarmen Limitern, z.B. dem FLOSS Tool x42 Limiter mit Intersample Peak Detektion. Als heller nehme ich erhöhte Verzzerungsanteile wahr, die in Clipping übergehen. Quelloffen, frei und stabil arbeitet hier FreeClip von Venn Audio. Loudness Maximizing hat beispielsweise mda im Programm.
Subtile Sättigung für den Mastering-Einsatz und viele nützliche Utility-Plugins bietet Airwindows auch, wenn auch „nur“ mit Parameter-GUI. Etwas Spezielles gesucht? Dann mal bei Distrho oder unplugred vorbei schauen.
Bei allen Plugins gehen Bedienbarkeit und resultierender Sound Hand in Hand, denn ein vermeintlicher Klangvorteil wird schnell durch Frustration bei der Anwendung zunichte gemacht.
DAW und Plugins sind gefunden, weiter geht’s mit einem Audioeditor. Als FLOSS Alternative wird oft Audacity (inkl. ihrer Forks) genannt. Bei vielen Linux-Multimedia-Distros ist das Tool trotz kontroverser Nachrichten auch schon vorinstalliert. Erste Tests verliefen holprig, Bedienoberfläche und Restaurationsmodule wirkten recht krude. Zum Zeitpunkt dieses Tests konnte ich allerdings durch die kostenlose Intel-Erweiterung OpenVINO interessante Ergebnisse erzielen.
Plugin-seitig gibt es auch beispielsweise bei Bertom Audio und Github Denoising-Optionen. Zur maschinengestützten Stemseparation auf Linux ist neben OpenVINO auch Ultimate Vocal Remover erwähnenswert. Hier ein paar Hörbeispiele zum Vergleich mit kommerziellen Lösungen:
https://fidbak.audio/flosillermastering/player/c0b1d3efbb0c/16356ac57b1d (leider funktioniert Embedding mit dem Provider nicht)
CREDIT: OKDA – Pick and Choose
Für die Abtastratenkonvertierung kann der kostenlose SoX Algorithmus per Kommandozeile genutzt werden. Alternativ bietet REAPER mehrere Möglichkeiten inkl. Voxengo r8brain auch als Batch Processor für die schnelle Stapelverarbeitung.
Als Dateimanager bin ich bei meinem Desktop-Environment-Provider KDE fündig geworden. Der KDE Krusader bringt alle grundsätzlichen Funktionen wie Handling von Archiv-Formaten, MD5-Checksummen, FTP-Verbindungen, Multi-Umbenennung, Dateivergleich und Projektorganisation meines bisherigen Schweizer Taschenmesser-Dateimanagers mit und sieht dabei noch so ähnlich aus, dass der Umstieg mit ein paar Tweaks vergleichsweise einfach verlief.
Um Mastering-Sessions sicher online organisieren zu können, bin ich als Alternative zu meiner bisherigen kommerziellen Lösung auf das leider nicht mehr kostenlose Open-Source Programm JackTrip gestoßen. Dort können mehrere Teilnehmende (auch als Webapp im Browser) hochauflösendes Audio austauschen und per Webcam, Screenshare und Chat darüber kommunizieren. Auch interessant ist das FLOSS Programm Sonobus. Damit lässt sich auch über ein lokales Netzwerk ganz ohne Internet der DAW Ouput per App (iOS/Android) aufs Smartphone streamen. Beide sind plattformübergreifend erhältlich und können als Plugin direkt in die DAW eingebunden werden.
Als einfachen, schnörkellos cleanen Audioplayer mit bit-neutralem Playback habe ich bisher Foobar2000 eingesetzt. Leider gibt es davon keine native Linux-Version, einzig per Umweg kann er unter Linux eingesetzt werden. Schade, denn der stabile Player hat viele nützliche Funktionen und kann umfangreich (u.a. mit dem SoX Resampler) erweitert werden. KDE Apps wie Amrok oder Elisa können Ähnliches. Außerdem interessant: das CD-Brennprogramm K3b von KDE sowie BWF MetaEdit zum Editieren der eingebetteten Metadaten von Broadcast Wavefiles.

Du willst wissen, wie es ausgeht? Dann schau später noch einmal rein, wenn Flo Teil 3 fertig gestellt hat. Es geht um Hardware Support, Immersives Audio, Modifizieren von JSFX und Einsatz von Windows-Tools unter Linux – und auch den Problemen beim Umstieg und den Schattenseiten von Open Source.

Schöner Bericht, Flo! Ein Beta-Tester hat mich auf deinen Blog aufmerksam gemacht. Als Mastering Engineer und Plugin-Entwickler (Tokyo Dawn Records / Ohlhorst Digital) verfolge ich die Linux-Audio-Entwicklung mit großem Interesse.
Die Plugin-Verfügbarkeit ist tatsächlich noch die größte Hürde – das bestätigt sich auch in deiner Umfrage. Was die TDR- und OD-Plugins angeht: Wir werden in Kürze nativen Linux-Support für beide Produktlinien bringen werden. Die Beta ist fast abgeschlossen, es geht aktuell eher um die umgebende Infrastruktur (Shop, Lizenzierung).
Wenn du die Beta gerne schonmal ausprobieren möchtest: https://beta.ohlhorstdigital.com
Das sind großartige Neuigkeiten, Jan. Danke für den Hinweis. 🙂
Heißt das, dass auch die Tokyo Dawn Plug-ins den Weg Richtung Linux einschlagen werden?
Auf jeden Fall, Claudius. Da wird demnächst was kommen. 🙂
Sehr geil! Dann muss ich mal nach meinen alten Lizenzen schauen! 🙂
Hallo Jan, besten Dank für dein Kommentar und die netten Worte zum Blog!
Ich nutze TDR Plugins und deinen DeEdger schon viele Jahre, umso mehr freuen mich diese Neuigkeiten zum Linux Support👍
Der Link zu deinen Betas wurde mir schon zugespielt, ich melde mich sobald ich ausgiebig testen konnte.
Besonders bin ich auf Finesse gespannt, so etwas fehlt mir noch in der nativen Toolbox
Spannend. Zumindest so halb. Bislang sind es nur Vorüberlegungen, die vermutlich die meisten in der Linux Content Welt schon hinter sich hatten. Vor allem die mit Fokus auf Audio. Umso mehr freut es mich, wenn schnellstmöglich der nächste Teil erscheint.
Kann ich das irgendwie automatisiert erfahren?
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Dass der Artikel mit Vorüberlegungen an den Start geht, ist absicht, damit es eine abgeschlossene Sache wird. Viele in der Musikindustrie scheuen das Thema Linux komplett und schauen kaum über ihren Avid/macOS-Tellerrand hinaus. Das soll der Artikel im Gesamten abfangen.
Da schließe ich mich Zolle an. Ich bin gespannt, auf was ein Masteringengineer so achtet und was anders ist als beim Musikmischen mit Ardour beispielsweise.
Das ist ja mal sehr geil. Bin gespannt, wo die Reise hinführt. Solche Themen sollte es viel öfter geben. Dann sähen die Konzerne und Entwickler, dass so viele nur drauf warten, Linux zu nutzen, aber die Firmen ihre eigenen Gatekeeper sind.
Moin Zolle, danke für dein Kommentar!
Sehe ich ganz ähnlich, deshalb der Selbstversuch. Es hat sich die letzten Jahre schon ziemlich viel bewegt, deswegen bin ich schon vorsichtig optimistisch. Der nächste Teil ist schon in vollem Gange, dort soll es auch um den Tenor aus der Industrie zu dem Thema gehen.